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© Basler Zeitung; 11.08.2006; Seite 19

Die Luft wird dünn für den Bildungsrat

Landrat kämpft für mehr Bildungskompetenzen, Regierung hält am Bildungsrat fest

Martin Matter

In der Baselbieter Bildungspolitik zeichnet sich ein Kraftakt ab. Für den Bildungsrat mit seinen weitreichenden Kompetenzen geht es diesmal um Sein oder Nichtsein.

Derweil Schulen, Kinder und Eltern zum neuen Schuljahr rüsten, haben sich Parteien und Verbände nach der Sommerpause über ein brisantes Geschäft zu beugen. Es geht daum, ob der einflussreiche, seit der Kantonsgründung bestehende Bildungsrat entmachtet oder ganz abgeschafft werden soll. Eine knappe bürgerliche Landratsmehrheit will nämlich künftig selber über Lehrpläne und Stundentafeln entscheiden. Das wäre just in der Zeit, da verstärkte Harmonisierungsanstrengungen im Gang sind, ein gesamtschweizerisches Unikum: Nirgendwo sonst befindet ein Kantonsparlament über solche Fragen.

Neu ist das Thema im Baselbiet nicht. Parlamentarischer Ärger über den Bildungsrat äussert sich mit einer gewissen Regelmässigkeit. Es geht jeweils kaum um konkrete Fehlleistungen, die man dem Bildungsrat vorwerfen müsste, sondern um ein verbreitetes Unbehagen über die grossen Kompetenzen dieses Gremiums (vgl. nebenstehenden Text). Viele vorab bürgerliche Landratsmitglieder haben den Eindruck, es werde über ihre Köpfe hinweg entschieden.

So sagt etwa Rudolf Keller (SD): «Selbst als Politiker im Kantonsparlament weiss man sehr oft nicht, was in unseren Schulen gerade läuft.» Dieter Völlmin (SVP) hält fest, dass dem Landrat nur gerade die Rolle des «Financiers» übrig bleibe, da er nur noch die Mittel für viele Enscheide des Bildungsrates bewilligen könne. Bedenken über ein gewisses Demokratiedefizit bei wichtigen Entscheiden gibt es etwa auch bei den Grünen. Allerdings wäre es absurd, sagt ihr Sprecher Jürg Wiedemann, das Parlament über einzelne Fächer oder Themen entscheiden zu lassen.

Selber genehmigen. Genau in diese Richtung gehen wollen aber FDP und SVP, deren verbindliche Motion im Februar 2005 hauchdünn mit 41 zu 39 Stimmen überwiesen wurde. Der Landrat soll künftig die vom Bildungsrat geprägten Lehrpläne und Stundentafeln genehmigen. «Das Parlament muss zur Bildungspolitik im Kanton stehen können. Das ist nur möglich, wenn es auch in die Verantwortung genommen wird», sagt Christine Mangold, (FDP).

Bildungsdirektor Urs Wüthrich, die Ratslinke und die CVP wehrten sich im Landrat ohne Erfolg. Wichtige Entscheidungen › etwa das Frühfranzösisch oder Frühenglisch › würden auf jeden Fall dem Parlament unterbreitet, argumentierten sie. Als Reaktion auf den landrätlichen Befehl packt die Regierung nun den Stier bei den Hörnern und argumentiert: Wenn der Bildungsrat seiner Kernkompetenz › Genehmigung von Lehrplänen und Stundentafeln › beraubt wird und zugleich immer mehr bildungspolitische Aufgaben interkantonal angegangen werden, kann man ihn gleich ganz abschaffen.

Deshalb wird vorgeschlagen, die Zuständigkeiten des Bildungsrates der Regierung oder der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion zuzuweisen. Die historisch gewachsene «duale Exekutive» mit Bildungsrat und Regierungsrat würde zugunsten des Regierungsrates in einer Hand zusammengefasst, ein Grossteil der Kompetenzen des Bildungsrates ginge somit, wie andernorts in der Schweiz, an die Verwaltung über und nicht ans Parlament.

Die landrätliche Genehmigung von Lehrplänen und Stundentafeln soll nach dem Vorschlag der Regierung auf die Volksschulstufe beschränkt sein: Für die Ausbildungen in der Sekundarstufe II werde der Handlungsspielraum zu stark durch interkantonale und eidgenössische Erlasse eingeschränkt (Beispiel: Maturitätsanerkennungs-Reglement). Doch auch «nur» die Stundentafeln und Lehrpläne der Volksschule zu genehmigen, wäre für den Landrat «keine Routineaufgabe», wie die Regierung sich nüchtern ausdrückt.

Bitte nicht. Doch soweit soll es gar nicht erst kommen: Die Regierung bittet den Landrat nämlich, auf die Vorlage nicht einzutreten. Die Institution des Bildungsrates habe sich insgesamt bewährt: Die wichtige Aufgabenstellung festzulegen, was Schülerinnen und Schüler zu lernen haben, soll beim Bildungsrat als einem «spezialisierten und gemischt zusammengesetzten Gremium» belassen bleiben.

Die Vernehmlassung dauert bis Ende September. Für Kontroversen ist gesorgt.

Der Bildungsrat, das unbekannte Wesen

Weichensteller. Der 13-köpfige, vom Landrat auf Regierungsvorschlag gewählte Bildungsrat (Präsident: Bildungsdirektor Urs Wüthrich, von Amts wegen) nimmt laut Bildungsgesetz «zu allen wichtigen Fragen des Bildungswesens» Stellung; er beschliesst vor allem die Lehrpläne und Stundentafeln, beantragt u.a. die obligatorischen Lehrmittel der Volksschule ebenso wie Schulversuche. Damit prägt er das Baselbieter Schulwesen ganz wesentlich; er soll überdies dafür sorgen, dass die Schulfragen nicht zu sehr politisiert werden. In die Kritik an seinen Kompetenzen mischen sich aber regelmässig auch politische Töne: Der Bildungsrat sei ein «Insiderclub von Pädagogen», der «SP-Bildungspolitik» betreibe, hiess es kürzlich von SVP-Seite. Das Gremium setzt sich zusammen aus drei Mitgliedern der amtlichen Konferenz der Lehrkräfte, je zwei Vertretern von Handelskammer bzw. Wirtschaftskammer BL und der Gewerkschaften, dazu kommen je ein Mitglied von SP, SVP, FDP, CVP und Grünen. Ma

Das letzte Wort. Was Lehrer lehren und Kinder lernen sollen, will künftig der Landrat entscheiden. Foto Keystone

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